Biologische Agrarindustrie

 

Wer hat sich die Frage nicht schon gestellt: “Wieso zahle ich für meinen täglichen Bio-Einkauf bei Hofer (Aldi in Deutschland und weltweit) etwa 1/3 weniger als im Bio-Supermarkt und gar nur die Hälfte im Vergleich zu einem Bio-Greisler?” Es gab darauf schon bisher viele Antworten: günstigeres Vertriebskonzept, Großeinkauf, … doch irgendwie war alles nicht ganz schlüssig.

Ein weiterer Aspekt hat mich bei “Bio” immer öfter gestört: Sowohl Verpackung, als auch Bewerbung der Produkte glichen immer mehr den konventionellen Produkten. Wer dieser Tage auf die Biofach in Nürnberg geht, der kann den Trend ganz eindeutig beobachten. Männer im Business-Anzug, Frauen gestylt wie aus dem Katalog. Mit langen Haaren und bunter Jacke kommt man sich dort wirklich verloren vor.

Bio-Marketing

Clemens G. Arvay gibt in seinem neuesten Buch “Der große Bioschmäh – wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen” klare Antworten auf viele offene Fragen. Wem ist es nicht schon aufgefallen? Bauernhofidylle mit freilaufenden Hühnern und sprechenden, glücklichen Schweinen in der Werbung und dann in tausenden Filialen die gleichen Produkte. Da fehlt doch irgendein Glied in der Kette. Die Antwort fällt sehr deutlich aus:

Wir wollen den Eindruck des Retro-Bauerntums erwecken. Mit Monokulturen und industriellen Mähdreschern spricht man niemanden an.” Gleich darauf stimmt der Gesprächspartner, ein Werbefachmann, dem Autor des Buches zu, dass industrielle Mähdrescher und Monokulturen die Realität auch in der biologischen Agrarindustrie sind. Information sei nicht die Aufgabe der Marketing-Agenturen, ergänzt er dann noch ganz unverblümt. Warum verwundert mich das nicht. Es geht ja schließlich nur darum alles an möglichst viele zu verkaufen. Information hat auch mit Wahrheit zu tun. Kann man also sagen, dass auch die Wahrheit vermitteln nicht die Aufgabe der Marketing-Argenturen ist? Der Konsument ist dann nur noch ein potentielles Käufergehirn, schließt Arvay daraus. Das Zielpublikum für die Produkte sind DINKS (Double Income – No Kids). Menschen also, die viel Geld haben und den ganzen Tag dafür arbeiten sich alles leisten zu können. Die Bioernährung ist Teil dieser Philosophie. Die DINKS bekommen dann noch den Beinamen LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability). Ob diese Lebensform Zukunft hat? Wie sieht der Markt für solche Menschen (“No Kids”!!) in 20-30 Jahren aus? In die Zukunft blicken ist also weder für die Marketing-Industrie noch für den “Biolandbau” eine sinnvolle Strategie. Wir leben ja schließlich heute und nicht morgen!?

Die Kritik

Clemens G. Arvay betätigt sich für die Recherchen seines Buches als Detektiv. Offene Türen und Menschen, die frei und ungezwungen mit ihm sprechen findet er kaum. Er muss verdeckt ermitteln. Diese Herangehensweise an das Thema macht das Buch sehr spannend. Es werden Türen geöffnet in “geheime” Welten, die man so nicht wirklich vermutet. Ein paar Beispiele aus dem Buch:

  • In mehr als drei Viertel der Bioställe des Landes sind die Rinder während des Großteils ihres Lebens in Ketten gelegt
  • Ihnen werden meist nur 1 bis 2 Stunden Auslauf vor dem Stall gegönnt (von Weide ist hier noch gar nicht die Rede)
  • Während man in der konventionellen Eierproduktion sieben Hennen pro m² Stallfläche halten darf, sind es in der kontrolliert biologischen sechs
  • Der vorgeschrieben Auslauf wird von den Hennen kaum genutzt, weil die Fläche hühnerfeindlich ist (exponiert und ohne Schutz durch Bäume und Sträucher)
  • Zudem sind die Luken schon bei der kleinsten Verschmutzung draußen geschlossen, weil sonst die Eier schmutzig werden und sich nicht mehr so gut verkaufen lassen.

Und immer wieder wird die Fehlinformation durch  die Werbung für die Bioprodukte thematisiert. Da steht ein gewisser “Joe” mit seiner Unterschrift als Bürge für die Qualität einiger natur*pur-Produkte von Spar gerade. Doch dieser  “Joe” weiß nur, wie es dazu kam, dass seine Unterschrift unter die Produkte gesetzt wurde: Irgendwann sei man mit dem Anliegen an ihn herangetreten. Es hieß, die Unterschrift solle auf die Verpackungen von Soja-Produkten gedruckt werden. Ob seine Sojabohnen in den Produkten verarbeitet seien, wisse er nicht. Das eigentlich Bemerkenswerte aber ist: Die Produkte, auf denen Joes Unterschrift ist, beinhalten zahlreiche andere wertgebende Rohstoffe als bloß Soja, schreibt Clemens G. Arvay.

Ein weiteres trauriges Kapitel ist der Transport und die Schlachtung von Tieren. Da werden männliche Küken gleich nach dem Entschlüpfen aus dem Ei durch das Todeskarussel geschickt, Hühner und Schafe industriell betäubt und geschlachtet und auch der Transport zum Schlachthof ist keineswegs tiergerecht. Vielfach werden Tiere aus biologischer Tierhaltung gemeinsam mit und auf die selbe Art und Weise wie solche aus konventioneller transportiert.

Weitere Beispiele im Buch reichen von Brot bis Gemüse und Obst. Das Resumee ist überall das Gleiche. Bei der Produktion werden zwar keine chemischen Keulen wie in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt. Sonst unterscheidet sich diese aber kaum vom Bio(TM)-Landbau, wie Arvay ihn bezeichnet. Der konventionelle Lebensmittelhandel sei an der Bio-Idee nur so lange interessiert, solange sie die Umsätze ordentlich angekurbelt. Unsere Supermarktkonzerne sind die Akteure, die regelrechten Verursacher der konventionellen Lebensmittelindustrie, nicht aber Verfechter des Ökolandbaus. Thilo Bode schreibt in seinem Buch “Die Essensfälscher”: “Mit dem, an sich erfreulichen, Bedeutungs- und Umsatzzuwachs des Marktes für Biolebensmittel wächst leider auch die Tendenz, den ursprünglichen Qualitätsanspruch von Bio zu verwässern und zu verraten.”

Die Alternativen

Bei soviel Kritik fragt man sich natürlich auch nach den Alternativen. Der Autor lässt einen auch da nicht unwissend zurück. Neben einem kurzen historischen Abriss über den ökologischen Landbau (bezeichnend hier auch der Unterschied zwischen Öko- und Biolandbau) werden Alternative Stimmen gehört und alternative Konzepte präsentiert. Menschen, die mit einer “Hühnerherde” von 400 Stück ausreichend Einkommen haben, wo andere mit 10000 “Landwirtschaft” nur im Nebenerwerb betreiben können. Menschen, die das direkte Gespräch mit ihren Kunden im Bio-Laden suchen und darin das beste Marketing sehen. Neben Lebensmittelkooperativen wird auch das Konzept der solidarischen Landwirtschaft, allgemein bekannt unter der Bezeichnung Community supported Agriculture (CSA), vorgestellt.

Mein Resumee

Das Buch von Clemens G. Arvay ist nicht nur sehr informativ, sondern liest sich sehr spannend von Anfang bis Ende. Die gezeigten Beispiele sind durch persönliche Recherchen und Besuche bei den betroffenen Betrieben belegt und zeigen deutlich, dass das Bild, das sich die biologische Agrarindustrie in der Öffentlichkeit in Form eines Retro-Bauertums selbst gibt, von der gelebten Praxis sehr weit entfernt ist.

Die Darstellung der Alternativen erinnert mich wieder an die Diskussion über LOHAS und LOVOS bzw. Öko 1.0 oder 2.0 über die ich nun schon mehrfach selbst berichtet habe (hier und hier). Es scheint so, dass “Entwicklung” immer in die Richtung von höherer Technisierung und Automatisierung geht. Dabei werden meist zwei Aspekte der Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Ökologie, zugunsten des dritten Aspekts, der Ökonomie, zurückgedrängt. Wenn alle 3 Aspekte betrachtet würden, dann wären die alternativen Konzepte Lebensmittelkooperativen und CSA – bzw. die Konzepte und Idee, die dahinter stehen – wohl eher vermarktbar. Die Werbeindustrie könnte folglich den Kunden auch wieder Informieren anstatt in derart offensichtlich zu manipulieren.

Natürlich genieße ich es auch oft genug in jedem Supermarkt ein umfassendes Angebot an Bio-Produkten zu finden. Bei aller Kritik halten sie vermutlich noch immer den Vergleich mit konventionellen Produkten stand. Wenn man sich aber einmal an die erwähnten Alternativen gewöhnt hat, dann ist auch deren Nutzung weniger Aufwand, als es im ersten Moment erscheint. Clemens G. Arvay gibt einen Anstoß zum Nachdenken und Handeln. Als KonsumentInnen haben wir es in der Hand, wie mit uns und unserer Umwelt umgegangen wird.

Für meine Bloggerkollegen, die sich in 2 Wochen zum fünften Mal im Rahmen der Biofach treffen könnte dieses Buch ein interessanter Input sein, bevor sie durch die Hallen der “Leitmesse” gehen und die Produkte begutachten.

Kuyichi – Kunden ignorieren heißt Kunden verlieren

Ich bin ein Mensch, der sich nicht jedes Jahr neu einkleidet oder dem neuesten Trend in Sachen Mode folgt. Es ist mir nicht nur zu teuer, sondern wiederspricht auch meinen Prinzipien einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung. Das alles ist einer der Gründe, wieso ich seit Jahren gerne Jeans trage. Sommer und Winter, kurz oder lang, in vielen Variationen.

Ein Loch im Knie der Kuyichi Jean bereits nach 6 Monaten

Seit Langem suche ich nun schon nach Jeans in bio-fairer Qualität, die mir auch gefallen. 2009 habe ich dann auf der Biofach in Nürnberg Tony Tonnaer von Kuyichi gehört und fand den Stil der Jeans und die Philosophie, von der Tony erzählte, echt super. Zurück in Wien habe ich gleich nach einer Kuyichi Jean gesucht und wurde auch fündig.

Kurzes Vergnügen

Leider war das Vergnügen von kurzer Dauer. Bereits nach einem halben Jahr hatte ich am rechten Knie ein Loch. Da die Hose bereits an mehreren Stellen “vorgedachte Löcher” hatte, bemerkte ich nicht einmal gleich, dass dieses Loch nicht geplant war. Ich wandte mich also zuerst an die Verkäuferin von Disaster Clothing, wo ich die Hose gekauft habe und blitzte prompt ab. Danach wandte ich mich an die (damalige) Vertretung von Kuyichi Österreich mit folgendem Email.

Liebe Frau Dunja Tariba,

Ich hoffe ich schreibe hier an die richtige Stelle, nämlich an den Kontakt von Kuyichi in Österreich (laut kuyichi.com). Ziemlich genau vor einem Jahr habe ich Tony Tonnaer und einen Herrn von Made By auf der Biofach in Nürnberg gehört und auch gesprochen mit Ihnen. Ich war sehr begeistert von der Idee und dem Handeln von Kuyichi und noch dazu überglücklich, dass ich nun endlich Jeans in Eco-Fairer Qualität kaufen konnte. Zurück in Wien macht ich mich gleich auf die Suche nach einem Store und fand ihn auch nach kurzer Zeit mit Disaster Clothing (http://www.disasterclothing.at/).

Leider öffnete sich bereits nach einem halben Jahr ein Loch am rechten Knie. Ich nahm das zuerst nicht sehr ernst, denn es störte mich nicht. Die Hose hatte zudem bereits vom Design vorgedachte “Löcher”. Das Loch wurde jedoch rasch größer und so ging ich dann doch zu Disaster Clothing. Zu spät, wie mir dort gleich gesagt wurde. Das wurde damit erklärt, dass schon 2 Saisonen vergangen seien und die Hose damit nicht mehr der aktuellen Mode entspräche. Ein Umtausch sei nur bis 3 Monate nach dem Kauf möglich. Von Garantie oder Gewährleistung wollte die Dame gar nicht sprechen.

Nun bin ich zwar ein modischer Typ, wie ich zumindest meine. Leider entspreche ich damit aber nicht dem Idealbild der kapiltalistisch denkenden Modebranche, die möglichst viel Kleidung in immer kürzeren Mode-Intervallen anbringen will, und das (deswegen?) häufig in schlechter Qualität. Ich gebe lieber etwas mehr Geld aus für gute Qualität und Kleidung, die nicht nur eine Saison lang modisch getragen werden kann. Daher kommt auch meine große Liebe zu Jeans.
Kuyichi schien nahezu alle meine Ansprüche abzudecken und ich war daher bereit 135€ für diese Hose auszugeben.

Nun ist meine Enttäuschung über die Qualität ziemlich groß. Noch größer ist aber die Enttäuschung über den Umgang von Disaster Clothing mit diesem Qualitätsproblem. Eine Hose, die nach einem halben Jahr bereits Löcher aufweist (ohne dass sie ständig getragen wurde wohlgemerkt) und nach weniger als einem Jahr ein derart großes Loch hat, dass sie nur noch eingeschränkt benutzbar ist, kann ich in jedem Ramschladen bekommen. Der Schaden ist nicht reparabel und wenn das nicht ein einzelner Qualitätsmangel bei dieser Hose ist, sondern dem Standard von Kuyichi entspricht, dann muss ich im nachhinein den tollen Vortrag von Tony Tonnaer anders bewerten.

Bei der Philosophie von Kuyichi, dem Fairen Umgang mit Produzenten und Umwelt, habe ich erwartet, dass diese Ethik auch beim Umgang mit Kunden ähnlich ist (vielleicht betrifft das aber auch nur Disaster Clothing, deren Stil ich übrigens im Prinzip sehr schätze.) Ist mein Anliegen, diese Hose zu überprüfen oder eine Garantie geltend zu machen wirklich anmaßend oder nicht erfüllbar?

Ich würde mich sehr über eine Rückmeldung Ihrerseits freuen.

Die Reaktion

Einige Wochen später erhielt ich einen Anruf von Fr. Tariba. Sie war sehr zuvorkommend und bot an mir ein Vorjahresmodell zu schicken. Ich war zufrieden damit. Doch leider geschah danach gar nichts. Eine neue Hose landete nie bei mir im Postkasten. Nach einigen Wochen fragte ich noch einmal nach bei Fr. Tariba. Es kam aber keine Antwort zurück. Bis heute nicht.

Kuyichi wurde zu einem großen Ärgernis für mich. Fast 2 Jahre später, im März 2011, spaziere ich durch Berlin auf der Suche nach einer neuen Jean und werde schon bald bei wertvoll fündig. Nudie Jeans ist eine super Alternative. Im Laden am Prenzlauer Berg ist Kuyichi bei Herrenjeans auch ein Auslaufmodell. Es wird ebenfalls die Qualiät der Jeans beklagt. Meine Hose dürfte also kein Einzelfall sein. Es scheint auch einiges an Wechsel bei Kuyichi gegeben zu haben. Tony Tonnaer dürfte nicht mehr dabei sein. Auch die Vertretung für Österreich wurde gewechselt. Vieles davon dürfte 2010 passiert sein. Vielleicht habe ich deswegen keine Antwort auf meine zweite Frage mehr bekommen.

Mein letzter Akt

Als letzten Akt werde ich nun also meine Jean an Kuyichi zurück schicken. Da das Unternehmen auch immer wieder von Recycling-Produkten spricht, lässt sich aus dem alten Ding ja vielleicht noch etwas machen.
Kunden ignorieren heißt Kunden verlieren. Obwohl ich die Mode von Kuyichi noch immer sehr gut finde, wird sie mich nicht mehr anziehen. Und wenn Kuyichi etwas von Kundenbewertungen hält, dann scheint es hier eindeutig Handlungsbedarf zu geben, wie die neuesten Bewertungen im Avocado Store zeigen. Auch zu Disaster Clothing gibt es in Wien zum Glück brauchbare Alternativen.

Nachfüllpackungen für Kräuter

Ich wünsche mir von den Herstellern biologischer Nahrungsmittel auch, dass sie einen Blick auf das Ganze werfen. Dazu gehören eben neben der biologischen Produktion des Produktes insbesondere auch die Verpackung und damit verbunden die Entsorgung und eigentlich auch der Vertriebsweg. Die Biofach 2011 in Nürnberg zeigt mir leider (wieder), dass diese Themen in der Biowelt von vielen nicht gleichwertig behandelt werden.

Viele Produkte werden in Einwegverpackungen angeboten. Das Thema Nachfüllpackungen habe ich für Kräuter etwas genauer unter die Lupe genommen. Die Auswahl der Anbieter bei dieser Produktgruppe war überschaubar. Ich habe mit Vertreterinnen und Vertretern von Herbaria, Sonnentor, Kräuter & GewürzZauber und Kräuter Mix gesprochen. Die Antworten waren durchaus sehr unterschiedlich und teilweise auch widersprüchlich.
Auslöser für meine Recherche war ein Gewürzsalz von Herbaria, das ich vor 2 Jahren von der Biofach mitgenommen habe. Wie das Bild unten zeigt  besteht das Produkt aus einer Aludose und einer darin verpackten Plastikdose in der sich dann das Kräutersalz befindet. Meine Vermutung von Anbeginn war, dass ich die Plastikdose nachkaufen kann und diese einfach wieder in die Aludose gebe. Ein Besuch beim Stand von Herbaria auf der Biofach 2011 hat mich eines Besseren (bzw. Schlechteren) belehrt.
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Zukunftsfähig ohne Systemwandel?

Ist “Nachhaltigkeit” tot?
Oder wurde sie etwa gar nie mit Inhalten gefüllt? Was ist SIE überhaupt?

Da der Begriff für viele zu bedeutungsleer ist, versucht man ihn zu ergänzen (Nachhaltige Entwicklung), zu ersetzen (Zukunftsfähigkeit) oder beides (nachhaltig zukunftsfähig – geht es denn auch anders?). Die Gebildeten nehmen lieber gleich den englischen Begriff Sustainability. Wenn man den zerlegt, dann bekommt man ability to sustain … und damit sind wir vermutlich genau dort, wo wir hin sollten … die Möglichkeit zu erhalten, fortzusetzen, aufrechtzuerhalten.

Das deutsche Wort “nachhaltig” wird u.a. auch so übersetzt: “einen starken Eindruck auf längere Zeit bewirkend und hinterlassend” (Quelle: wiktionary). Damit ist auch klar, warum der Begriff zunehmend missbraucht wird und das auch gut begründet werden kann. Ein Macho wäre diesbezüglich sehr nachhaltig. Er hinterlässt bei vielen einen starken Eindruck und bewirkt auf längere Zeit Resentiments gegen diese Art des Verhaltens. Dass das für mich bspw. sehr negativ ist, steht auf einem anderen Blatt.

Dass ein neues Hybrid.Auto damit nachhaltig ist, steht ebenfalls außer Zweifel, wie eine neuer Schuh mit neuem Konzept vom “amerikanischsten aller Sportartikelhersteller” (ist das nun postiv oder negativ, oder einfach nur beschreibend?).

Doch wie siehts mit der Zukunftsfähigkeit solcher Produkte aus? In diesem Sinne ist das Wort “zukunftsfähig” meiner Meinung nach wirklich das bessere. Ist es zukunftsfähig einfach auf “umweltfreundlichere” Autos umzusteigen? Ich verwende hier ganz bewußt die Steigerungsform, denn von “umweltfreundlich” kann ja keineswegs die Rede sein. Das Ding wiegt schließlich vermutlich an die 2 Tonnen und wird für 1,3 Personen gebaut (= durchschnittlicher Besetzungsgrad von PKWs). Der Flächenverbrauch für das “Steh”- und Fahrzeug nimmt ebenfalls zunehmend mehr Platz ein und erhöht die Kosten bspw. beim Wohnbau enorm (In Österreich ist es in vielen Bundesländern gesetzlich vorgeschrieben eine gewisse Anzahl an Parkplätzen für Autos zu schaffen – für Fahrräder, Rollstühle, Kinderwägen, … gibt es keine derartigen Bestimmungen). Der soziale Aspekt ist auch nicht zu unterschätzen, wenn man insbesondere Städte und deren Umgebung für die individuelle Mobiliät mit dem Auto plant. Einkaufszentren am Stadtrand (für ältere Menschen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilitätsmöglichkeit unmöglich zu erreichen) und daraus resultierende fehlende Nahversorgung, Schlafdörfer außerhalb der Ballungszentren (wo Menschen aufgrund ihrer langen Wge zum Arbeiten oder Eikaufen oder auch für soziale Kontakte sehr wenig Zeit aktiv verbringen) oder auch erhöhte Gefahren im Stadtbereich sowie das Zurückdrängen von spielende Kindern in eingezäunte “Hochsicherheits”-Spielplätze sind nur einige der Folgen. Der einstmals erwähnte positive Effekt für Gebiete, die von zunehmender Abwanderung bedroht sind, hat sich nie eingestellt. Ganz im gegenteil, profitieren diese Regionen erst jetzt davon, dass man sich auf regionale Besonderheiten besinnt.

Philosophisch ausgedrückt klingt das dann so:

In der Mitwelt ist, versteht und erlebt sich der Mensch als ein stets Mit-Einbezogener. Aus Einbezug entsteht Nähe. Und erst aus Nähe, so lehrt uns schon der Fuchs im Kleinen Prinzen Antoine de St. Exupérys, entsteht Verantwortung. (Quelle: www.lebendige-philosophie.de)

Auch die Diskussion auf Karmakonsum und nachhaltigbeobachtet zeigt, dass durch das bejubeln eines Teilaspekts bei einem Produkt dazu führt, dass die ganze Marke in ein positives Licht gesetzt wird. Es wird zunehmen nicht mehr hinterfragt, wie die gesamte Öko- oder Sustainability-Bilanz aussieht (Life Cycle Assessment – LCA).

Für mich ergibt sich damit die Frage, die ich auch gleich zum Titel des Artikels gemacht habe:

Kann es zu einer nachhaltig, zukunftsfähigen Entwicklung kommen, wenn nicht grundsätzlich ein Systemwandel angestrebt wird?

Die Frage wirkt für viele lähmend. Denn sie stellt grundsätzliche Prinzipien unserer derzeitigen Gesellschaft in Frage (Kapitalismus, Neoliberalismus, Zinswirtschaft, Individualismus, persönliche Freiheit, …). Für mich dagegen wirkt es zunehmend lähmend, wenn kleine Details laufend bejubelt werden und damit die Weltrettung angekündigt wird und dabei ganz vergessen wird, dass der globale Effekt vielleicht minimal ist. Als Beispiel dient mir etwa die angestrebte Steigerung des Biolandbaus an der gesamten Landwirtschaft in Österreich. Hier wird von einer Steigerung von 20% gesprochen. WOw, mag man sich da denken, die Österreicher, die meines ernst. Doch wenn man ein wenig hinter die Zahlen blickt, dann merkt man schnell, wie scheinheilig dieses Ziel ist. Die damaligen Zahlen für die biologisch-ökologische Landwirtschaft in Österreich waren nämlich beschämend: 5% der landwirtschaftlichen Nutzfläche wird derart bewirtschaftet. Eine Satiegrung von 20% würde also insgesamt zu einer Erhöhung des Anteils an der Gesamtfläche von 1% (!!!!) führen.

Das klingt nach Spott und Hohn oder einfach nach Wahlkampf.

LOHAS auf Orange 94.0 bei Radio natural

Auch in Österreich nimmt das Acronym LOHAS (Life of Health and Sustainibility) langsam aber doch seinen Platz ein. Ob es dabei einen österreichischen Weg geben wird, konnte ich gestern mit Monica Lieschke vom Forum Umweltbildung in der Sendung Radio natural auf Orange 94.0 diskutieren.

Hier könnt ihr die Sendung nachhören: LOHAS auf Orange 94.0 bei Radio natural (MP3, 28MB)

Nach der Diskussion blieben noch viele Fragen offen. Es schein jedenfalls so, als ob Österreich nicht einfach auf den Zug aufspringen würde. Obwohl Lifestyle Magazine wie die Wienerin unter dem Titel “Kaufen – oder Welt verbessern?” auch LOHAS und LOVOS (übringens Vertreten durch Heike und unserem kleinen Samuel) thematisieren und es mit Biorama bereits ein eigenes Magazin für nachhaltigen Lebensstil gibt, will der Begriff (ist es eine Begriff, ist es eine bewegung, ist es eine Gruppe zu der man sich zugehörig fühlen kann oder nicht? – das wurde im Interview alles besprochen) nicht so richtig vom Fleck kommen. Das gibt natürlich Anlass zur Vermutung, dass man hier einen eigenen Weg geht.

Meine Hoffnung dabei ist, dass dieser Weg die derzeit vermeintlich kritischeren Kunden nicht nur als Konsumenten sieht, die man mit Werbung und Marketing zum Kauf anregt (ist Bio wirklich noch Bio?), sondern ihnen ihre Mündigkeit zurückgibt und sie ernst nimmt als Menschen, denen Gesundheit und Nachhaltigkeit etwas bedeutet. Insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit, kann ich die Menschen, die nun v.a. in Deutschland als Zielgruppe LOHAS (leider versteht man darunter leider wirklich nur einen Marketingbegriff, wie man am Eintrag auf Wikipedia lesen kann) bezeichnet werden, nicht ganz ernst nehmen, denn für sie scheint Nachhaltigkeit schon mit den Eigenschaften “ethisch korrekt” oder “Bio” abgehandelt zu sein. Da sie vielfach als sehr kauffreudig bezeichnet werden ist die Gesamtökobilanz ihres Lebensstils (oder auch ihr ökologischer Fußabdruck) kaum tragbar für eine Welt in der alle Menschen diesen Lebensstil pflegen können sollten.

climateshorts – Klimaschutz filmen

climateshorts.deDiana Schick von climateshorts hat mich vor wenigen Tagen auf einen Filmwettbewerb hingewiesen und diesen Tipp gebe ich gerne weiter (Im Original):

Was ist dein Klimaschutzbeitrag 2008?

Mit CLIMATESHORTS – dem Kurzfilmwettbewerb zum Klimaschutz – soll der Öffentlichkeit wieder verstärkt bewusst gemacht werden, dass nur im Zusammenspiel von persönlichem und gemeinschaftlichem Engagement Fortschritte im Klimaschutz erreichbar sind.

Gefragt ist, was verändert! Ob sich kleine Dramen abspielen oder große Liebesgeschichten, schockierende Fakten präsentiert werden oder die Zuschauer vor Lachen weinen müssen – Ziel ist es, die Menschen zu erreichen und somit einen wirkungsvollen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Mitmachen kann jeder, egal ob professioneller Filmemacher oder Hobby – Filmer.
Bereits am 25. Januar 2008 startete der Kurzfilmwettbewerb CLIMATESHORTS deutschlandweit unter dem Motto „Mein Klimaschutzbeitrag 2008“.

Jetzt wird der Wettbewerb international: Als Sonderwettbewerb CLIMATESHORTSprofessional wird der Wettbewerb im Rahmen des 28. Internationalen Festivals der Filmhochschulen ausgeschrieben, dem global wohl bedeutendsten Wettbewerb für Nachwuchsfilmer. Daneben können sowohl Hobbyfilmer als auch Unternehmen und Organisationen, die ihr eigenes Klimaschutzengagement darstellen wollen, am generellen internationalen CLIMATESHORTS Wettbewerb teilnehmen.
Daten etc. Trailer?

CLIMATESHORTS ist ein Projekt der Münchener Initiative CSR (MICSR). Deren Website wird derzeit aber leider überarbeitet. Das CSR hat mich aber nicht in Ruhe gelassen, denn leider wird unter diesem Denkmantel von sehr vielen Firmen Greenwashng betrieben (siehe dazu die zahlreichen Berichte auf SourceWatch oder kritische Stimme selbst bei der Weltbank). Ich machte mich als auf die Suche nach Hintergrundinformationen. Der Hienweis von Diana Schick, dass der Initiator von Climateshorts der Geschäftsführer der MICSR Jobst Münderlein ist war dabei sehr hilfreich, denn so fand ich ein Profil eines sehr interessanten Menschen, dem durchaus aufgrund seines Lebenslaufs zuzutrauen ist, dass er es mit CSR auch wirklich sehr umfassend ernst meint.

Der Filmwettbewerb CLIMATESHORTS spricht also hoffentlich die Richtigen an und ich bin auf die Ergebnisse schon sehr gespannt.

Energiespartag

Man sollte glauben, das Thema Energiesparen ist heute eines, das von allen Seiten sehr ernst genommen wird. Die Berichte des IPCC, die klaren Aussagen der EU-Kommission und viele schöne Worte von Politikern und Unternehmern (ich belasse es hier beim genus masculinus, denn die Mehrheit der Schlauredner ist noch immer zu männlich) liesen zumindest bei mir ganz schwach dieses Gefühl aufkommen.

Nun gibt es auch schon einen Energiespartag, den 29. Februar …. na, stutzt ihr auch schon …. oh ja, es gibt heuer tatsächlich einen 29. Februar. Einmal fand ich zwei Plakate nebeneinander. Auf einem die Werbung für den genannten Energiespartag, am anderen die saudumme Werbung der Geiz-Ist-Geil-Kette von Sonderaktionen, die es nur alle 4 jahre gibt. Das ist wenigstens ehrlich dachte ich.  Warum man allerdings gerade den 29. Februar als Energiespartag wählt, das muss man mir erst einmal erklären. Ist in diesem Punkt Geiz vielleicht auch geil?

Atomstromanerzeuger als Ökostrom-Anbieter

So traurig und enttäuschend dieser Titel ist, so sehr ist er doch Realität im immer leichtfertigeren Umgang mit dem Begriff “Öko”. Ich möchte hier nicht auf die Diskussion um das Kyoto-Folge-Protokoll eingehen, das in Bali diskutiert wurde und nachdem Atomstrom als ein Beitrag zum Klimaschutz ernsthaft diskutiert werden soll. Diese Diskussion wurde ja bereits in vielen Medien besprochen und von vielen NGOs aufgegriffen. Nein, ich möchte hier von Renewable Energy Certificate System (RECS) schreiben. Denn daran kann man wieder einmal erkennen, woran unser System krankt. Die Ursache ist längst bekannt (unser Lebenstil), doch bekämpft werden Symptome. [Weiterlesen...]

Grüne Autos

Die Diskussion um Grüne Autos (z.B. auch auf XING) ist für mich ja eigentlich eine überflüssige, denn ich würde ganz einfach sagen: es gibt keine grünen Autos (im Sinne von ökologischen). Diskutieren kann man hier nur über Autos, die mehr oder weniger ökologisch sind, über unsere Mobilität oder besser gesagt unseren Zugang zu und unser Verständnis von Mobilität und über unser Fahrverhalten, wenn wir schon von Autos sprechen müssen. Besonders zu diesem Thema gibt es ja ausreichend Diskussionsstoff. Wenn wir nun aus dem Themenkomplex “Fahrverhalten mit dem Auto” wieder einen Aspekt herausnehmen, nämlich den Treibstoffverbrauch, dann gibt es jetzt einen Tipp, wie man den reduzieren kann, ohne über die anderen Punkte nachzudenken oder sich gar darüber Gedanken zu machen, dass ein Auto nicht der Mobilität dient.

Auf www.whatgreencar.com kann man sein Auto mit anderen vergleichen in Bezug auf Verbrauch, Kosten, CO2 und dgl. Nun ist das ja nicht wirklich neu und innovativ und wäre wohl eher in einem Blog über Autos zu finden. Innovativ finde ich an dieser Website aber, dass beim Ergebnis gleich vergleichbare Autos angeführt werden, die bessere Werte haben. Somit kann diese Seite bei der Suche nach einem neuen Auto helfen. Natürlich erst dann, wenn man bereits die Entscheidung getroffen hat, sich ein neues Auto zu kaufen und nicht als Anreiz ein neues Auto zu kaufen.

Wer doch lieber über Mobilität diskutiert, der möge doch einfach den morgen folgenden Artikel lesen, denn da geht es um Mobilität im eigentlichen Sinne des Wortes und darum, warum vor allem in unseren Städten Mobilität immer noch mit Auto und Straße in Verbindung gebracht wird.